Als wir im Iran mit einem Einheimischen beim Tee saßen und unseren Plan, im kommenden Winter nach Saudi-Arabien zu reisen, kund taten, ernteten wir erstaunte Blicke. Nicht wegen der besonders angespannten politischen Lage zwischen den zwei Ländern, nein. Er war verwundert wegen der, seiner Meinung nach, fehlenden Vielfalt. „Was wollt ihr da? Da gibt es doch nur Sand!“, fragte er Johannes.
Bevor wir schlussendlich Anfang Februar 2023 nach Saudi-Arabien reisten konnten wir so einer Aussage nicht einmal etwas Gegenteiliges erwidern. Es heißt ja, dass die Wiege des Islams in einem Wüstenstaat liegt. Ist dort wirklich so gut wie überall Sand? Wir hatten mindestens genauso viele Vorurteile über die Vegetation des Landes im Kopf, wie über die Bevölkerung.
Grund dafür: Das Königreich stand nie auf einem unserer Reisepläne. Eigentlich auch auf keiner persönlichen „Bucket List“. Dazu kommt, dass wir beide keine Geographie-Profis sind und bis kurz vor der Einreise anscheinend zu sehr mit dem Leben beschäftigt waren, denn die intensivere Recherche und Planung startete ziemlich genau mit dem Grenzübertritt mitten in der größten Sandwüste der Welt, der Rub-al-Chali. Dank unserem Heimatbesuch, während unserer Zeit im Oman, hatten wir zumindest eine Straßenkarte und das Buch „Saudi Arabien verstehen“ im Gepäck. Außerdem ein paar gesetzte Punkte auf der digitalen Karte am Handy – einfach alles was uns so bei anderen Reisenden im Netz untergekommen war und vielversprechend aussah. Tja, so begann es das überraschend vielfältige und abwechslungsreiche Abenteuer Saudi-Arabien.
Die erste Zeit waren wir dann im Grunde genommen wirklich nur in, bzw. am Rande der Wüste unterwegs. Überquert man die Grenze zwischen Oman und Saudi Arabien steht man nämlich erst einmal vor einem riesigen Haufen Sand. Die Rub-al-Chali bleibt einfach von allen Seiten atemberaubend. Rund 700 Kilometer führt uns der Highway durch diese Wüste, bevor wir wieder mehr Zivilisation finden. An Dromedare mittlerweile gewöhnt, wie an Kühe zu Hause, laufen uns als erste Highlights Felsformationen wie der „Judah Tumb“ über den Weg. Am „Edge of the World“ nahe der Hauptstadt Riyad bläst der Wind fast das Dach des Schneckenhauses über die Klippen und in den kleineren Städten können wir einen Eindruck über die Bauweise der alten Lehmhäuser gewinnen. Außerdem besuchen wir einige Schrottplätze. Landcruiser gehören zu Saudi-Arabien wohl wie der Sand. Jeder fährt sie. Dabei handelt es sich zwar um kein Naturphänomen, jedoch sehen einige Schrottplätze so aus, als hätte man hier erfolglos Landcruiser „gezüchtet“. Aufgereiht liegen sie zu Dutzenden auf dem staubigen Boden. Die Träume von Johannes. Verbeult, zusammengefahren und ausgeschlachtet. So ein Anblick bringt wohl jedes Liebhaberherz zum Bluten. Da konzentrieren wir uns doch schnell wieder auf die Natur.
Bis zu 3000 m hoch sind die Gipfel des Hedschas- und Asirgebirges in Saudi-Arabiens, die sich immer weiter südlich bis in den Jemen ziehen. Als wir dort in der Nähe von Al Bahla ankommen ist es heiß, das Gras großteils gelb gefärbt, es gibt kaum Bäume, hauptsächlich Sträucher und viele Steine. In den Bergen findet man zudem viele, viele alte Steinhäuser. Ein Dorf namens „Thee Ain“ wurde erfolgreich restauriert und neu aufgebaut. Paviane streifen die Straßen entlang, oder plündern die Mülltonnen an Parkplätzen. Eine „Dead End Road“ mitten in den Bergen und mit Markierungen bis auf die letzten Meter versehen, beschert uns einen der schönsten Übernachtungsplätze im gesamten Land. Als wir die hohen Lagen Richtung Rotes Meer verlassen, bleiben uns besonders die großen Felder voller sanft im Wind wehender, fast weißer Grasbüschel und der plötzliche und doch irgendwie sanfte Übergang zurück zur Wüste in Erinnerung.
Viele Städte besuchen wir in Saudi-Arabien nicht. Uns nehmen solche Tage meist mehr Energie als sie uns geben. Doch an Jeddah’s Altstadt darf man auf keinen Fall vorbeifahren. Wir können uns trotz der Mittagshitze (vielleicht sollten wir auch nochmal einen Beitrag über schlechtes Timing beim Reisen verfassen?) an den Häusern mit ihren wunderbaren Holzbalkonen nicht sattsehen. Das historische Jeddah ist seit 2014 UNESCO Weltkulturerbe. Die meisten Häuser befinden sich in Privatbesitz, manche sind auch noch bewohnt, anscheinend aber eher von Gastarbeiter*innen als von Einheimischen. Man findet bei einem Spaziergang Allerlei: Restauriertes, gut Erhaltenes, Renovierungsbedürftiges und auch den ein oder anderen Schutthaufen nach einem Einsturz. Besonders abends tummeln sich viele, viele Menschen in den Gassen.
Unser Weg führt uns weiter von Jeddah über Medina mitten ins Land der Vulkane. Wusstest du, dass es in Saudi-Arabien mehr als 2.000 Vulkane gibt? Wir nicht. Bereits davor verbringen wir zwei Tage am schönen „Wahbah Krater“. Die Gegend zwischen Medina und Hai’l ist in punkto Vulkane jedoch unschlagbar. Während der Anfahrt auf noch guten Straßen, erheben sie sich auf einmal in unser Blickfeld. Dutzende Vulkankegel, in jeder Größe, über einem kilometerlangen schwarzen Lavafeld. Nach dem Verlassen der Hauptstraße wird die Piste holprig, teilweise auch eng, sodass breitere Fahrzeuge gefährdet sind, sich ihre Reifen an den scharfkantigen Vulkansteinen aufzuschneiden. In solchen Momenten, lassen wir unser kleines Schneckenhaus hochleben. Ganz im Sinne von: „Gets you there, gets you back“. Ein Muss für Offroad-Begeisterte, die über Allrad und besser auch Differentialsperren verfügen, ist der weiße Krater. Ein ganz heller Vulkankegel, der Kessel leuchtend grün durchzogen, übersät von lila und gelben Blumen, die Aussicht auf die anderen Vulkane spektakulär. Im Falle des falschen Gefährts kann man ihn natürlich auch erwandern.
Zum Wochenende tummeln sich viele Trüffelsucher und Dromedarbesitzer zwischen den Vulkanen. Als Dank für eine Fahrzeugbergung bekommen wir frisch gemolkene Milch gereicht- stilecht aus der Melkschüssel, warm und mit ein paar Haaren garniert.
Auf das folgende Ziel, die Nefud Wüste mit ihren Felszeichnungen und Steinformationen, freuen wir uns besonders. Wir lassen dafür den Süden Saudi-Arabiens weg, denn dieses Land ist einfach zu groß um in rund sieben Wochen alles zu sehen. Wir werden belohnt. Mit einer absoluten Besonderheit: Einer blühenden Wüste. Schon zu Beginn unserer viertägigen Tour durch einen kleinen südlichen Teil der Nefud erwartet uns der Anblick eines weißen Teppichs auf dem grobkörnigen, beigebraunen Sand. Für uns wirken die Blumen wie kleine Margariten, die sich durch die starken Regenfälle in diesem Winter ihren Weg in so großer Zahl ans Tageslicht bahnen konnten.
Wasser. Ein kostbares Gut. Leider ist das noch nicht überall angekommen. An dieser Stelle darf man, ja muss man, das Land wohl oder übel kritisieren. Denn Saudi-Arabien war ab den 1980-er Jahren einmal Weizenexporteur. Nach zehn Jahren sogar der Zehntgrößte weltweit. Ja richtig gehört – EXPORTEUR. In nur einer Generation wurde mit der Bewässerung der landwirtschaftlichen Flächen in der braunen Wüste der Aquifer, ein riesengroßer fossiler Grundwasserspeicher, welcher Zehntausende Jahre gebraucht hatte um sich zu füllen, geleert. Es passierte endlich ein Umdenken, im Jahr 2009 wurden alle Subventionen für den Getreideanbau gestrichen und seit 2016 der gesamte Weizenbedarf wieder importiert. Wir fragen uns, ob man daraus gelernt hat. So richtig sicher sind wir uns nicht. Der Wasserverbrauch pro Kopf ist auf der arabischen Halbinsel noch immer höher als im Weltdurchschnitt. Der größte Milchviehbetrieb der Welt, mit rund 50.000 Milchkühen zuzüglich Jungtieren, liegt mitten in der Wüste. Rund 100 Kilometer von der Hauptstadt Riyad entfernt erfordert er massiven Wasser- und Stromeinsatz.
Mit der „Vision 2030“ steckt sich das Land zumindest selbst hohe Ziele auch in Sachen Klimapolitik. Der Hintergrund dieses Megaprojekts ist die globale Energiewende und das hohe Bevölkerungswachstum, denn innerhalb von 15 Jahren, also von 2015 bis 2030, soll eine diversifizierte Wirtschaft geschaffen werden, die nicht mehr von Ölexporten abhängt. Unter den vielen Einzelprojekten ist das Flaggschiff die Retortenstadt NEOM (dt. „neue Zukunft“) am Golf von Akaba. In den nächsten Jahren soll die Stadt ihren Energiebedarf ausschließlich aus Sonnen- und Windenergie beziehen und Dienstleistungen von Robotern anbieten. Man schwärmt von Zukunftstechnologien wie Regen aus künstlichen Wolken. Die Zeit wird zeigen, was wirklich umgesetzt werden kann.
Aktuell hat Saudi-Arabien auf jeden Fall ein Müllproblem. Kein noch so abgelegener Platz, an dem wir nicht mindestens ein paar Plastikflaschen oder Überreste des letzten Picknicks finden. Es enttäuscht, wenn man vor Augen geführt bekommt, wie die landeseigene Erdölindustrie den Verbrauch von Einwegplastik fördert und die (zumeist reiche) Bevölkerung die Überreste davon in der Natur des Landes verteilt. An dieser Stelle vergisst man anscheinend gerne die großen Zukunftsvisionen. Es soll kein Fingerzeig auf die Araber*innen sein, denn ich möchte gar nicht behaupten, dass bei uns alles super läuft in punkto Müll. Wir merken es durch die Art der Entsorgung einfach gar nicht so sehr, was wir noch immer an Plastik- und Restmüllbergen produzieren. Jedoch wird uns persönlich die Wichtigkeit des Verbots von Einmalplastik deutlich, wenn wir in Saudi-Arabien z.B. gezwungen werden unsere Einkäufe in (gratis) Plastiktüten zu packen, weil man es einfach nicht anders darf. Oder wenn wir in einem teuren Restaurants vor Plastikbechern und -tellern sitzen und der Kellner am Ende neben uns einfach das gesamte Gedeck inklusive Tischtuch und Essensresten in den Müll wirft. Es ist ein Thema, dass uns auf dieser Reise „rastlos“ verfolgt und zu dem es gefühlt keine Lösung gibt. Diese Zeit unterwegs, reduziert auf wenige Dinge, sensibilisiert. Die Polarität des Lebens heißt unterwegs für uns: Zwischen ernsten Gesprächen über den Klimawandel, was wir selbst dazu beitragen und in Zukunft nicht mehr beitragen wollen, erfreuen wir uns trotzdem über die besondere Natur der Nefud Wüste.
Neben den Blumenteppichen findet man auf den Felsen dieser Wüste teils sehr gut erhaltene Felsgravuren. Es macht richtig Spaß sie zu suchen – auch wenn neuere Zeichnungen z.B. von Autos manchmal etwas in die Irre führen. Steinbögen und Felsnadeln ziehen zusätzlich unsere Blicke auf sich. Unzählige Greifvogelbeobachtungen und besondere Lichtstimmungen lassen uns den Weltschmerz und die Sorgen in den Hintergrund rücken. Ja, Saudi-Arabien ist ein Abenteuer in jeder Hinsicht. Sand findet man fast überall, aber es besteht definitiv nicht nur aus eintöniger Wüste. Das Land ist ziemlich kontrovers, enorm gastfreundlich und von überraschend vielfältiger Natur geprägt, die hoffentlich auch bald den Schutz bekommt, den sie verdient.
Ich dachte mir, zwei Beiträge rund um das Königreich werden reichen, doch anscheinend soll es noch ein Dritter werden. Über aufsteigenden Tourismus, einen ganz besonderen Wadi und den Besuch unserer achten und letzten Sandwüste in diesem Reisejahr.































































































Liebe Michi,
lieber Johannes,
div dir=”ltr”>Uli und ich sind zur Zeit im südlichen Afrika unterwegs. Gerne erinnern wir uns an den gemeinsamen Abend im Iran. Wir lesen Eure Beiträge mit großer Freude- hast Du Dir liebe Michi sch
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Hallo Alice, leider kann ich nur einen Teil deines Kommentars lesen. Könntest du ihn bitte noch einmal senden? Liebe Grüße!
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