Als ich mir heute am Morgen vorgenommen habe diesen Beitrag von unserer Zeit, die wir Anfang November 2022 im Süden der Türkei verbringen durften, online zu stellen, wusste ich noch nicht von der aktuellen Katastrophe dort. Der Südosten der Türkei und auch ein Teil Syriens wurden am 06.02.2023 mehrmals von immens starken Erdbeben erschüttert. Hunderte Gebäude sind eingestürzt, man spricht von tausenden Toten und Verletzten. Es wird verzweifelt nach Überlebenden gesucht. Mitten in einem Wintereinbruch. Ein großer Teil der Einheimischen hatte schon vor diesem Ereignis mit ganz anderen Dingen zu kämpfen. Denn so reich die Geschichte dieser Region ist, viele der Menschen sind es nicht. Ihr Leid wird nun noch größer. Lange habe ich überlegt was ich denn jetzt tun soll und habe entschieden: Ich möchte die Schönheit dieser Gegend heute trotzdem zeigen und hoffe, dass es die Leser*innen dazu bewegt hinzusehen. Bitte lest nicht nur diesen Text und die heutigen Schlagzeilen, sondern seht richtig hin, auf das Geschehene und die Menschen die dort leben.
Wer in die Türkei reist und dort nicht nur Strandurlaub macht wird zwangsläufig auf die vielen geschichtlichen Schätze dieses Landes stoßen. Es fühlt sich teilweise so an, als wäre man in einem Geschichtsbuch unterwegs. Beim Umblättern jeder Seite entdeckt man ein weiteres Highlight aus vergangenen Zeiten.
Unsere Route ganz im Süden der Türkei führt uns in die Provinzhauptstadt Şanlıurfa, genannt Urfa, besser bekannt als das antike Edessa. Am Museumsparkplatz des archäologischen Museums darf man für ein paar türkische Lira übernachten. Ein Angebot, dass wir gerne annehmen. In Urfa findet man neben einem schönen Handwerksbasar, einer Zitadelle und einem Park mit Karpfenteich und Moscheen, eine Totenstadt mit über hundert Felsengräbern. Die Nekropole stammt aus der byzantinischen Zeit und ist besonders in den Abendstunden eindrucksvoll beleuchtet. Es gibt zahlreiche weitere archäologische Stätten rund um die berühmte Stadt aus der Antike, zum Beispiel das steinzeitliche Heiligtum namens Göbekli Tepe. Wir müssen uns in Şanlıurfa leider auf einen Besuch des archäologischen und des Mosaik Museums beschränken, da die männliche Besatzung des Schneckenhauses eine hartnäckige Magen-Darm Geschichte plagt.
Leider ist in diesem Fall aber eigentlich kein passender Ausdruck. Denn das archäologische Museum gibt einen tollen Überblick über die Ausgrabungen in der Umgebung und das Mosaik Museum beeindruckt uns ebenso. Mitten in der Stadt wurde eine riesige Fläche gefunden, mit teils recht gut erhaltene uralte Mosaike aus der römischen Zeit. Während vor mehr als 2000 Jahren hier wohl die Elite über die Bodenmosaike flanierte, führen heute Spazierwege über angelegte Wege rundherum. Es gibt unzählige Darstellungen aus der griechischen Mythologie, viele Götterabbildungen und Tiere zu bestaunen.
In Gaziantep brauchen wir eine Pause. Speziell Johannes wird von seiner Magen-Darm Erkrankung richtig in die Knie gezwungen. An einem kleinen See außerhalb der Stadt gibt es einen komplett renovierten Caravan Platz. Gratis für die ersten zwei Nächte, inkl. heißer Duschen, Waschmaschine und Trockner. Eine Sache, die wir oft nicht glauben können, in der Türkei aber immer wieder zu finden ist. Wir treffen auf einige andere Reisende, aus Deutschland, der Schweiz, Frankreich, den Niederlanden. Der rege Austausch mit ihnen tut uns gut und macht Spaß. Wir kochen Kraftsuppe, viel Reis mit Gemüse und Palatschinken, reparieren löchrige Kleidung und einen ganzen Helinox Stuhl (Markennennung, selbstgekauft und selbst kaputt gemacht)
Nach drei Nächten fühlen wir uns fit für die Gegend des antiken Syrien und brechen auf nach Antiochia, heute Antakya. Die Stadt war einst eine der Hauptstädte des Seleukidenreichs und gehörte neben Alexandria, Rom und Konstantinopel zu den vier größten Städten der Antike. Das archäologische Museum von Antakya bietet wahrscheinlich die am besten erhaltenen Mosaike der Welt, in unglaublicher Größe.
Bei einem ausgedehnten Besuch bewundern wir außerdem aufwendig verzierte Sarkophage, lernen über die lang praktizierte bewusste Schädelformung, machen Fotos mit der großen Basaltstatue des König Shuppililiuma und finden viele andere interessante Münzen, Statuen, Figuren und Handwerkskünste.
Besonders außergewöhnlich finden wir das Mosaik mit dem Spruch:
“Neşeli Ol Hayatını Yaşa”
„Sei fröhlich und lebe dein Leben“
Es ist eine vermutlich einzigartige Darstellung aus dem 3. Jahrhundert vor Christus. Ein Skelett mit Weisheit und gutem Geschmack könnte man sagen. Wer es wohl in seinem Speisesaal hatte?

Mit der St. Petrus Grotte findet man außerdem die einzig verbliebene christliche Spur in Antakya. Wir haben sie ehrlicherweise wegen des hohen Eintrittspreises gepaart mit Regenwetter einfach ausgelassen.
Nach dem Museum zieht es uns endgültig ans Mittelmeer. Der Vespasian Titus Tunnel, eine Flussumleitung, ist seit 2014 UNESCO Weltkulturebe und stammt aus der römischen Kaiserzeit. Er wurde im ersten Jahrhundert errichtet, um den Hafen vor Geröll und somit vor Verlandung zu schützen. Der Tunnel leitete das Wasser um die Stadt und natürlich auch um den Hafen herum.
Ganz in der Nähe, einige Gehminuten entfernt, befindet sich die Beşikli Mağara, der Stadt der Toten. Die besondere Anlage ist voll von Gräbern und dürfte aus der Zeit 300 vor Christus stammen. Auf einer Bank unter einem großen Baum sitzend, spüren wir die besondere Aura der Stätte.
Anschließend gehen wir durch den Titus Tunnel, eine finstere und besonders für Leo spannende Angelegenheit. Heute fließt nur mehr ein plätscherndes Aquädukt durch den Tunnel und bewässert die angrenzenden bewirtschafteten Flächen. Wenn wir uns die Baumaschinen unserer Zeit ansehen, ist es einfach unvorstellbar wie diese Werke damals mit
wenigen Hilfsmitteln von Menschenhand geschaffen wurden.
Die Landwirtschaft rund um den Tunnel ist geprägt von Olivenhainen, Mandarinen-, Limetten-, Orangen- und Granatapfelbäumen. An kleinen Ständen gibt es Kräuter, Honig, Obst, Gemüse und Eingelegtes zu kaufen. Man kann sich auch frische Säfte pressen lassen, oder einen Tee genießen. Es ist eine richtige Wohltat einen Nachmittag lang auf dem Areal herumzuspazieren.
Wir fahren langsam weiter entlang der Küste in Richtung Mersin. Machen noch einmal zwei Tage auf einem Campingplatz. Die notwendige Entscheidung für unser Winterziel rückt näher. Viel Sonne, gutes Essen und salziges Wasser werden mit Sicherheit dabei helfen.


















































Liebe Michi,
Deine Berichte sind so wundervoll zu lesen, selbst bei einem solchen Einstieg wie heute. Und Du hast sooooo recht. Auch wir schauen wie versteinert in Richtung Türkei. Bei uns beginnen langsam die Hilfsleistungen und wir werden sehen inwieweit wir uns einbringen können.
Wie geht es Euch, wo verbringt Ihr Euren Winter?
liebe Grüße Uli und Alice
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Liebe Alice, danke für deine Worte und dass ihr helfen werdet!
Uns geht es gut. Wir verbringen den Winter auf der arabischen Halbinsel und haben es hier die meiste Zeit schön warm.
Ganz liebe Grüße an euch Zwei!
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