Wir verlassen Georgien also Mitte Oktober am Grenzübergang Aktas und machen uns ohne Plan auf in den Nordosten der Türkei. Die Einheimischen empfangen uns ab dem ersten Schritt im Land mit ihrer gewohnten Freundlichkeit. Ich werde mit Leo von den Grenzbeamt*innen wegen der Kälte liebevoll in ihrem Büro aufgenommen und mit Obst und Wasser versorgt. Am nächsten Tag nimmt uns sofort ein alter, am Stock gehender Herr vom Parkplatz bis zum Bankomat unter seine Fittiche und verlässt uns erst wieder, als wir ihm versichern, dass wir ohne Problem Geld bekommen haben. Leo wird mehrmals beschenkt mit Luftballonen und Süßigkeiten. Und natürlich darf auch eine Einladung zum Tee in einem kleinen Geschäft nicht fehlen. Es überwältigt uns trotz mehreren Monaten Reise durch durchwegs gastfreundliche Länder immer wieder, wie selbstverständlich sich die Einheimischen von jetzt auf gleich Zeit für uns nehmen. Um uns zu helfen, etwas zu zeigen oder einfach nur in ihrer Stadt, ihrem schönen Land Willkommen zu heißen.
„Merhaba“ ihr lieben Menschen, es fühlt sich gut an wieder hier zu sein.
Die ersten Tage sind auch hier noch regnerisch und nass. Wir schlängeln uns langsam von über 2000 Höhenmetern in den Bergen in Richtung Schwarzmeer hinunter.
Der Nordosten der Türkei ist grün, besonders in der Gegend rund um Trabzon. Hier regnet es mehr als 200 Tage im Jahr, ideale Bedingungen um Tee anzubauen. Wir können erahnen wie schön diese Gegend kurz vor der Teeernte sein muss. Uns gefällt es auch mit rauer See und nassem Wetter gut, denn trotz Regen ist es relativ warm. Leo freut sich besonders darüber, seine neuen Gummistiefel ausgiebig in den unendlich vielen „Matschepfützen“ zu testen.
Am Weg zum berühmten Sumela Kloster begeben wir uns zurück in die Berge. An der Aussichtsplattform mit Sicht auf das imposante, in den Fels gebaute Gebäude verbringen wir eine klirrend kalte Nacht am Notbett. Raus gehen wir and diesem Abend sowieso nur kurz, immer mit viel Licht und lauten Geräuschen, denn bei der Ankunft am Stellplatz kommen uns zwei Wölfe entgegen gelaufen. Wir sind so baff und die Wölfe so erschrocken, dass keine Zeit für ein Foto bleibt.
Unsere angesteuerte Sehenswürdigkeit ist ein Touristenmagnet, den Besuch unserer Meinung nach jedoch auf jeden Fall wert. Wir sind dankbar, es bereits in den Morgenstunden in aller Ruhe von unserem Schlafplatz aus bestaunen zu können, denn hier wird einem die unvergleichliche Lage richtig vor Augen geführt.
Das Sumela-Kloster ist eines der wichtigsten Heiligtümer der christlich-orthodoxen Welt und aufgrund seiner Lage rund 300 Meter über dem Tal ein einzigartiges Beispiel in Bezug auf Natur und räumliche Integrität. Es soll als Ausbildungsstätte von Mönchen gedient haben und wurde während der byzantinischen Herrschaft von Kaiser Thodosius dem I. (375 bis 395 nach Chr.) gegründet. Von 2015 bis 2019 wurde es aufwendig renoviert und dabei unter anderem eine Kapelle mit beeindruckenden Malereien freigelegt.
Nun durchqueren wir die Gegend rund um Erzincan, fahren weiter Richtung Tunceli und Malatya, immer Richtung Süden um auf diesem Weg noch einmal quer durch Anatolien zu fahren. Wir machen dabei nachts auch erstmals Bekanntschaft mit der Polizei und dem Militär, die sich immer Sorgen um unsere Sicherheit machen – zum Beispiel wegen den wilden Tieren. So müssen wir eines nachts etwas diskutieren und versichern alles „bärensicher“ zu machen, damit wir bleiben dürfen. Wir haben wirklich ein paar Stunden davor selbst Bären in der Umgebung gesehen und sind somit vorbereitet. Aber auch einfach froh mit einem Kind im Bett nicht noch einmal den Platz wechseln zu müssen. Jede einzelne dieser Kontrollen läuft extrem freundlich und respektvoll ab.
Am berühmten Nemrut Dagi stört unsere Nachtruhe keine Polizei, maximal der kalte Wind, der auf unser Zuhause bläst und den Zeltstoff flattern lässt. Wir haben für den Besuch die Ostseite als Anfahrtspuntkt gewählt und dürfen direkt am Visitors Center, knappe zwei Kilometer unter dem Gipfel für die Nacht stehen bleiben. Nachmittags besuchen wir ganz in Ruhe und fast einsam den heiligen Ort. Er ist eines der unglaublichsten steinernen Zeugnisse menschlichen Gestaltungsdranges. Hier wurde ein gesamter Berggipfel in ein Denkmal verwandelt. Auf zwei Terrassen, ausgerichtet Richtung Osten und Westen finden sich Göttersttatuen und Stelen. Sie zeigen den Errichter des Heiligtums König Antiochos I. Theos (69-36 v. Chr.) in Gesellschaft mehrerer griechisch-persischer Götter. Die Stätte sollte Zentrum einer neuen Religion sein, die griechische und persische Mythologie vereint. Für die Errichtung wurden rund 300.000 m³ massiver Fels zu Schottersteinen verkleinert und aufgeschichtet. Drei Prozessionswege führen auf den Berg. Die Reliefs wurden im Laufe der Zeit durch Erdbeben, Unwetter und zahlreiche Besucher zu einem großen Teil zerstört, daher sind die einstmal 8-10 Meter hohen Statuen heute kopflos. Die Häupter sind vor den Statuen aufgestellt.
Dick eingepackt und gestärkt mit heißem Tee begeben wir uns beim Sonnenuntergang noch einmal auf den Gipfel zu den großen Steinskulpturen auf der Westseite. Alleine das Spektakel rundherum ist einen Besuch wert. Wir haben das Gefühl, für die Geschichte der Köpfe interessiert sich kaum jemand, der wahrscheinlich rund hundert Besucher. Es wird gepost, fotografiert und der beste Platz für den Sonnenuntergang reserviert. Manche haben Weinflaschen mit oder singen Lieder. Kaum ist der runde, wärmende Ball verschwunden, zieht auch die Karawane von Menschen singend, lachend und voller Freude die Stufen zu den Bussen wieder hinunter. Ein Erlebnis für sich.
Ein bisschen bleiben wir noch in der Gegend rund um den Nemrut Dagi und quartieren uns auf einem kleinen Campingplatz ein. Willkommener „Alltag“ ist bei uns dann Spiel mit Leo, ausgiebig kochen, Schneckenhaus warten, Wäsche waschen und ein bisschen putzen. Dazwischen Sonne genießen und Tee trinken.
Mit der Stadt Mardin erreichen wir unseren bisher südlichsten Ort in der Türkei. Wir streifen zwei Tage lang durch die Gassen der Altstadt, finden viele freundliche Gesichter, eine lustige Katzengasse, verschiedenste Türme und Minarette, unglaublich gutes Brot, viele Baustellen, wenig Grünes, dafür eine tolle nächtliche Stimmung.
Noch immer ist nicht klar, wie denn unsere Reise genau weitergehen wird und wir beschließen erst einmal Richtung Mittelmeer zu drehen.








































































