Georgien und der große Kaukasus. Unter Offroadern und Bergsteigern ein bekanntes und gern bereistes Ziel. Saftige Wiesen, schroffe Berge, Flüsse und Bergseen. Dazwischen schlichte Kirchen aus Stein und urige Bergdörfer. So stellten wir uns unser nächstes Reiseziel vor. Wir haben all das gefunden. Dennoch hielt Georgien zusätzlich ein paar landschaftliche Überraschungen an Orten für uns bereit, die nicht zwangsläufig auf einer typischen Rundreise durch dieses Land besucht werden. Es ist Ende August als wir die Grenze von Armenien nach Georgien bei Sadakhlo überqueren.
Der Vashlovani Nationalpark liegt im Südosten Georgiens an der aserbaidschanischen Grenze. Er wurde 1935 von den georgischen Biologen Niko Ketskhoveli und Vasil Gulisashvili gegründet. Das streng geschütze Gebiet umfasst 84 Quadratkilometer und der darum liegende landwirtschaftlich nutzbare Bereich beträgt rund 251 Quadratkilometer.
Dieser Nationalpark bietet alles, was man NICHT in Georgien erwartet, bzw. wir nicht erwarteten. Trockene Hitze, einen staubigen Canyon, rollende Hügel, Schwarzerde-Äcker, afrikaähnliche Savannen, Halbwüsten, sowie Felsgebilde, die uns an Kappadokien erinnern. Und das alles mit der Aussicht auf die Viertausender des großen Kaukasus im Hintergrund.
Hier soll es zudem Gazellen geben, eine vielfältige Vogelwelt, Stachelschweine, Wölfe, Rohrkatzen und Streifenhyänen. Sogar ein Leopard wurde schon einmal fotografiert.
Für den Besuch braucht es eine Berechtigung der Grenzpolizei und ein Ticket aus dem Nationalparkbüro. Wir statten uns für rund fünf Tage mit Essen und Wasser aus und beginnen unsere Tour an einem späten Nachmittag. Gecampt darf nur an ausgeschilderten Plätzen werden. Daher beziehen wir schon bald unser Nachtlager mit Aussicht auf den Canyon und eine Vielzahl von Pistazienbäumen. Es fühlt sich noch so richtig nach Hochsommer an, die Temperatur fällt nachts nicht unter 25 Grad. Es wird uns bewusst, dass dies vielleicht unsere letzten sommerlichen Tage in Georgien sein könnten.
Wir verbringen vier Nächte im Vashlovani Nationalpark. Unsere tierischen Begegnungen beschränken sich auf ein paar Kühe und Schmetterlinge, einige Katzen und lästige, beißende Fliegen am Camp des Grenzflusses. Die menschlichen Begegnungen sind dafür umso herzlicher. Denn alle Männer an den verschiedenen Checkpoints haben eine riesen Freude mit Leo und nehmen sich, neben den Kontrollen, Zeit für einen kurzen Plausch. Immer inkl. Abschiedsgeschenken in Form von Weintrauben, Äpfeln, Zwetschgen oder Schokolade.
Zwei Abende schlafen wir unter einem der schönsten Sternenhimmeln unserer bisherigen Reise auf dem „Black Mountain“. Dessen Name erschließt sich uns nicht ganz, da es sich dabei eigentlich um eine grasgrüne hügelartige Erhebung am Rande des Nationalpark handelt. Wir vermuten einfach die nicht sichtbare Schwarzerde hinter dem Namen. Die wunderbare 360 Grad Aussicht auf dem, mit rund 800 Höhenmetern hier recht exponierten Platz, leidet darunter natürlich nicht.
Unsere weitere Reise bringt uns nach Sighnaghi. Ein Städtchen in toller Lage mit italienischem Flair. Für uns nach fünf Tagen Abgeschiedenheit etwas zu touristisch, sodass wir es nach einem kleinen Rundgang rasch wieder verlassen.
Dafür bringt der nächste Morgen zwar keine landschaftliche, aber umso lustigere Überraschung. Denn als wir unseren Schlafplatz in den Hügeln nahe Sighnaghi verlassen, kreuzt ein älterer Mann unseren Weg. Er geht gerade mit seiner Kuh an der Leine zum Einkaufen, macht er uns mit Händen und Füßen klar. Das ist praktisch, dann ist sie zu Hause wieder satt und er kann ihr etwas auf den Rücken hängen. Schnell ist der Schnaps aus seinem Rucksack ausgepackt und ich darf um neun Uhr morgens ein gut gefülltes Gläschen mit ihm heben. Voller Freude über unsere Zusammenkunft schenkt er mir danach die ganze Flasche vom selbstgemachten Hochprozentigem. Und das Glas gleich noch dazu. Im Gegenzug finden wir zum Glück noch zwei Bierchen im Kühlschrank, die rasch in den Rucksack wandern. Ja, auch das ist Georgien. Alkohol ist hier mindestens so präsent wie in Armenien und wir dürfen im Laufe der eineinhalb Monate in diesem Land einige Male das Angebot eines „Chacha“ am Vormittag ablehnen. Die meist vorhandene Sprachbarriere ist bei einer Einladung kein Hindernis, denn mit dem Fingerzeig auf die Halsschlagader und einem kippenden Glas in den Mund, kennt man sich sofort aus, was das Gegenüber gerade anbieten möchte.
Nach dem Besuch des wirklich schönen und noch bewohnten David Gareja Klosters, tuckern wir Richtung „rote Berge“, vorbei an Herden von Kühen, Schafen und zwei Landschildkröten. Unser Ziel am kleinen Stausee bietet uns am nächsten Tag einen tollen Ausgangspunkt für eine Wanderung durch die beeindruckenden umliegenden Berge, deren Gestein in verschiedensten (Rot-)Tönen leuchtet. Wir fühlen uns wieder ganz woanders, aber definitiv nicht wie in Georgien.
Die für uns unerwarteten Landschaften in den ersten drei Wochen waren lohnende Zeile. Danach sind wir bereit für das Gebirge des großen Kaukasus und freuen uns auf Wandern, Spätsommer, ja eigentlich schon eher auf den Herbstbeginn.





















































