Insgesamt verbringen wir fast zwei Monate in Armenien. Nie hätten wir nach dem Iran gedacht, dass uns ein so kleines Land so lange in seinen Bann zieht. Mit der Besatzung der Olga sind wir in Summe fast sechs Wochen gemeinsam unterwegs.
Bis zum Schluss sind wir fasziniert wie schlecht Straßen sein können und trotzdem jeden Tag befahren werden. Wir werden wahrscheinlich nie wieder so viele Fahrzeuge der Marken UAZ und Ural sehen wie auf diesen Straßen. Fast immer sind wir auf über 1500 Höhenmetern unterwegs. Von Beginn an beobachten wir wie beschwerlich Landwirtschaft in hohen Gebirgslagen auch hier ist. Wie es aussieht wenn die Menschen mit der Heugabel schwere Stroh- und Heuballen in schwindligen Höhen auf Lastwägen laden, um sie auf noch steileren Straßen ins Tal zu bringen.
Wir sehen viele Häuser, die bei uns nicht als Häuser durchgehen würden. Doch egal wie arm die Menschen sind, immer kommt uns Freundlichkeit und Interesse entgegen. Es wird uns meist mehr gegeben als wir zurück geben können. So essen wir kiloweise geschenktes Obst, Gemüse und Brot, bekommen oft Milch und Joghurt angeboten, etwas Gegrilltes im Lavash gereicht oder einfach ein Gläschen (manchmal sogar eine ganze Flasche) Hochprozentiges. In Armenien wird vor jedem Trunk ein Spruch aufgesagt, meist wird auf das Leben, das Beisammensein, die Liebe und den Frieden getrunken. Oft verstehen wir gar nichts vom Trinkspruch, manchmal muss trotz Sprachhindernissen auch einer von uns ran. Nie fanden wir bisher so einfach und leicht tolle Schlafplätze wie in Armenien. Gemeinschaft wird großgeschrieben und wenn man zufällig am Wochenende an einem beliebten Picknickplatz landet kann es schon mal sein, dass man von früh bis spät von Familie zu Familie wechselt, bis zum Umfallen isst und vor allem trinkt.
Besonders diese Picknickplätze sind erwähnenswert, denn sie werden oft Verstorbenen gewidmet und liebevoll gehegt und gepflegt. Unsere eindrucksvollste Begegnung in dieser Hinsicht war im Nordosten Armeniens, wo an einem Fluss zwei wunderschöne Plätze eingerichtet wurden. Einer davon für die verstorbene Ehefrau und den sechzehnjährigen Sohn, der andere für den knapp 20 Jahre alten Sohn und seine zwei Freunde, die alle drei vor zwei Jahren im Berg Karabach Konflikt gefallen sind. Der Vater des Soldaten lebt zum Wochenende in einem Zelt am Fluss und baut an einem kleinen Paradies, an dem sich jeder der möchte zum picknicken und baden niederlassen kann. Riesige Tische und Bänke aus Holzstämmen, Feuerstellen, Wasserquellen und sogar eine große selbstgebaute Hängematte umranden die drei Gedenksteine der jungen Männer und einen großen Haufen von herzförmigen Steinen aus dem Fluss. Wir dürfen dem lustigen und fröhlichen Beisammensein einen Samstag lang beiwohnen und finden, es gibt wohl keinen besseren Ort als diesen, um seine Verstorbenen zu ehren.
Der Kontrast von kleinen Dörfern in den ersten Wochen, zur modernen Hauptstadt Jerewan mit ihren tollen Restaurants, viel Kunst und noch mehr Luxusautos ist uns dagegen fast etwas zu viel. Jerewans Innenstadt ist schön, keine Frage. Aber es ist nicht zu fassen wieviele Autos der Oberklassen wie zum Beispiel Lexus, Mercedes G-Klasse V8, BMW M-Modelle, Mercedes AMG, dicke Landcruiser und Maybachs das Stadtbild prägen. Dieser oft so krasse und schnelle Wechsel zwischen offensichtlicher Armut und fein gekleideten Menschen bei einer Taufe oder Hochzeit in den Klöstern, die wir besuchen, ist ebenfalls manchmal ziemlich schwere Kost.
Der Sommer in Armenien ist untertags heiß. Als wir uns in der Gegend rund um Jerewan befinden kratzt das Thermometer an fast 40 Grad mit viel Luftfeuchtigkeit. Eine Flucht vor der Hitze bietet da für ein paar Tage der höchste Berg Armeniens, der Aragats, der für Johannes einen kalten 4000er Gipfelsieg bedeutet, für Leo den lang herbeigesehnten Schnee und für mich eine Runde Schwimmen auf 3300 Höhenmeter.
Danach hanteln wir uns gemeinsam mit Betty und Martin über Gjumri ans Dreiländereck im Nordwesten an den Lake Arpi, mit seiner vielfältigen Vogelwelt. Wir besuchen auf unserer weiteren Route Wasserfälle und Schluchten, überqueren Bergpässe und landen in der armenischen Schweiz, in Dilijan. Zum Abschluss unserer gemeinsamen Tour verbringen wir fast eine ganze Woche am Sewansee in „unserer“ kleinen Bucht, bei bestem Badewetter und dem Gefühl am Meer gelandet zu sein. Einfach Urlaub.
Der Sewansee auf 1900 Höhenmetern ist einer der größten Hochgebirgsseen der Welt und mit 1242 km² doppelt so groß wie der Bodensee. 28 kleine Flussläufe aus den umliegenden Gebirgszügen speisen ihn. Seit 1978 ist der See inklusive Uferzone Naturschutzgebiet, reich an Fischen und bietet vielen Vögeln Rast- und Nistplätze. Betty und ich wandern eines Morgens auf den nahegelegenen Berg um das Ausmaß des großen Sees noch besser fassen zu können.
Nach dieser ausgiebigen Urlaubswoche am See trennen sich unsere Wege. Und während Betty und Martin sich auf in den Süden machen, beginnen wir die letzten Tage im Nordosten des Landes.
Das Kloster Achtala innerhalb einer Festung ist unsere letzte Sehenswürdigkeit in Armenien. Der Torbogen ist noch erhalten, dahinter tut sich die riesige Muttergotteskirche auf. Im Inneren finden wir die wohl am besten erhaltensten Wandmalereien hier in Armenien. Wir verbringen lange Zeit in der Kirche, Johannes beim Fotografieren. Vom Innenraum her die schönste Kirche, die wir gesehen haben.
Bei Sofia, einer alten unglaublich freundlichen Dame in einem zusammengebastelten Verschlag aus Blech, Holz und Werbeplakaten direkt an der Straße dürfen wir ein letztes Mal richtig armenisch essen. Kebap, Gemüse, Käse, Lavash, Eingelegtes, Kräuter und diese gute rote Sauce. Zum Abschluss armenischen Kaffee und trockenes, süßes Gebäck. Ein krönender Abschluss.
Auf Wiedersehen Armenien. Du und deine wunderbaren Menschen haben uns berührt und uns einen wunderschönen Sommer geschenkt. Wir verlassen das Land mit dem Gefühl ganz viel von diesem kleinen Fleck auf der Weltkarte in unseren Herzen mitzunehmen.










































































