Unsere Zeit in Armenien geht abwechslungsreich und entspannt weiter. Wir besuchen den Kurort Jermuk, treffen zufällig eine liebe deutsche Reisefamilie an einem schönen Fluss und können so Leos Bedürfnis nach einem gleichaltrigen Spielkameraden wieder einmal ausführlich stillen.
Bevor wir uns auf den Weg Richtung Sewansee machen, kurven wir meist Offroad durch die Gegend. Dabei erklimmt das Schneckenhaus an einem Nachmittag den Weg zum Krater des Vulkankegels Wajoz Sar. Das kleine Sträßchen ist zwar steil, aber relativ gut erhalten und auch entlang des Kraters kann man wunderbar eine Runde drehen. Wir entscheiden uns eine Nacht dort oben zu bleiben. Die 360° Aussicht und das warme Wetter schreien förmlich danach. Wieder sind wir beeindruckt von der vielfältigen Flora, die Armenien scheinbar in jeder Ecke bietet und kommen aus dem Fotografieren der schönen Blumen gar nicht heraus.
Nach zwei Tagen im Tal des Jeghegis und einem weiteren Klosterbesuch machen wir uns endgültig auf Richtung Martuni und dem Sewansee. Da „läuft“ uns am Wadenjaz Pass eine alte Karawanserei über den Weg. Vielleicht wundert man sich, was denn so ein Bauwerk in Armenien macht, es ist aber rasch erklärt. Hier führte im Mittelalter ein Zweig der Seidenstraße zwischen Sjunik und dem Sewanbecken über den Pass. Im 14. Jahrhundert wurde von dem Fürsten Chesar Orbelian auf einem kleinen Vorsprung nur eine Kurve unter der Passhöhe ein Ort errichtet, an dem sich müde Reisende und ihre Tiere ausruhen und Schutz finden konnten. Diese kleine Gebirgskarawanserei diente den Händlern meist nur für eine Nacht als Quartier. Für uns ist sie ungewohnt dunkel, was ihr jedoch noch fast noch ein bisschen mehr Charme verleiht, unsere Fantasie anregt. Wie es hier wohl gerochen haben muss, wenn sich die Gerüche der Tiere mit denen der Waren, der rußenden Ölfackeln und Menschen vermischt haben? War es laut vom Schnarchen der Händler und der Unruhe der Tiere?
Ja, die Historie Armeniens ist wirklich sehr interessant und immer wieder gibt es viel nachzulesen. Das heutige Armenien ist ein junger Staat, der erst nach dem Zerfall der Sowjetunion im Jahr 1991 seine Unabhängigkeit wiedererlangte. Die Gesamtfläche des kleinen Landes beträgt nicht ganz 30.000 km² und ist mit einer Bevölkerung von rund 3 Millionen Einwohner nur ein Bruchteil dessen, was das historische Armenien einst war. Im 1. Jahrhundert vor Christus reichte es vom Mittelmeer bis ans kaspische Meer.
„Die Geschichte Armeniens (bietet) ein meist trauriges Gemälde dar, in welchem Nachbarn und Feinde das schöne Land und seine Bewohner zum Gegenstand ihrer unerhörtesten Grausamkeit und Raubgier machten.“
Auszug aus dem Buch „Reise zum Ararat“ aus dem 19. Jahrhundert
Armenien trägt ein schweres Erbe und nur wer davon weiß, wird sein heutiges Erscheinen und Auftreten verstehen. Es ist ein Land am Kreuzweg der Welten, urchristliches Abendland. Im Jahre 301 erhoben die Armenier*innen das Christentum als erstes Land der Welt zu ihrer Staatsreligion. Der Glaube der Menschen ist auch heute noch stark, das sieht man in jeder Generation. In ihm fanden sie über Jahrhunderte hinweg den Zusammenhalt und die Kraft zu überleben.
Denn den Boden Armeniens hat die Geschichte mit reichlich Blut getränkt, es wurde gebeutelt von Kriegen und Genozid. Der aktuelle Kampf um die Region Berg-Karabach führt ein weiteres Mal dazu, dass die Wunden des Landes nicht heilen können. Wir haben nicht den Wissenstand dafür, in diesem Konflikt ein Urteil über einen der daran beteiligten Staaten zu fällen. Das können und möchten wir einfach nicht. Es ist für uns nur jeden neuen Tag in diesem Land verblüffend, wie fröhlich und lustig diese Menschen feiern können, welch respektvolles Miteinander wir erleben dürfen und wie offenherzig sie auf uns zu gehen, obwohl wir mehr als offensichtlich Fremde sind. Bevor wir diese Reise antraten, wussten wir nicht, was östliche Gastfreundschaft bedeutet. Die Türkei, Persien und nun Armenien lehren uns dies in vollen Zügen. Wir werden immer herzlichst begrüßt, bekommen Obst, Brot, Honig geschenkt, werden zum Kaffee eingeladen.
Am Sewansee treffen wir jedoch einmal nicht auf Fremde, denn dort erwarten uns Betty und Martin mit ihrer Olga und wir machen uns auf, um ein paar schöne Offroad-Abenteuer in diesem besonderen Land gemeinsam zu unternehmen.








































