Ein Land, das eigentlich nicht auf unserer Route lag. Zumindest nur auf Route C oder wars schon D?
Egal. Also Sommer in Armenien. Ein Land über das wir bis kurz vor der Einreise kaum mehr wissen als seinen Platz auf der Landkarte. Eine Woche bevor wir aus dem Iran ganz im Süden in die Region Sjunik bei Meghri einreisen, lade ich mir einen Reiseführer herunter und verschlinge ihn in kürzester Zeit. Denn dieses kleine Land, von dem wahrscheinlich viele von uns nur vage Vorstellungen haben, strotzt vor so Vielem. Vor Geschichte, vor Landschaften, vor Krieg, vor Kirchen, vor Schmerz, vor Musik, vor Essen, und vor allem vor Herzlichkeit.
So reisen wir Anfang Juli mit viel Vorfreude und Neugier ein in ein neues Land. Die Ausreise aus dem Iran und Einreise nach Armenien dauert in Summe knappe drei Stunden und verläuft komplett problemlos. Es ist ein Mittwochabend als wir den letzten Schranken an der Grenze durchfahren. Nach über zwei Monaten im Iran fühlen wir uns sofort ungewohnt frei. Keine Kleiderordnung, der Supermarkt voll mit Bier, Wein und Käse.
Das üppige Blütenmeer in den Bergen kombiniert mit sauberen Bächen und schönstem Sommerwetter macht uns das Ankommen zusätzlich leicht. Wir genießen es sehr nur wenig zu fahren und trotzdem jeden Tag einen neuen wunderschönen Schlafplatz zu finden. Leo und ich pflücken fast täglich frischen Thymian für einen Tee, beim Laufen durch die Bergwiesen riecht es überall nach den verschiedensten Kräutern. Die Provinz Sjunik ist die zweitgrößte Region Armeniens, mit knapp 139.000 Einwohnern jedoch auch die am dünnsten besiedelte.
Ganze zwei Wochen halten wir uns in einem Umkreis von nur circa 150 Kilometer auf. Besonders an der Worotan Schlucht verbringen wir viel Zeit. Hier gibt es das Kloster Tatew das eindrucksvoll am Rand der Schlucht steht, eine „Teufelsbrücke“ mit angrenzender Tropfsteinhöhle und eine alte noch bewohnte Einsiedelei, die Höhlenstadt Chndsoresk und ein kleines Kloster mit dem Namen Bgheno Norawank gleich an der aserbaidschanischen Grenze.
Dieses alte Juwel ist nicht unbedingt leicht zu erreichen. Wir ziehen Kurve um Kurve auf richtig schlechter Schotterstraße hinunter in die Schlucht, nicht wissend, ob wir denn auf der anderen Seite wieder rauffahren dürfen. Unten erwarten uns einige junge Soldaten. Das Prozedere immer das Gleiche: Unsere Daten werden in ein großes Buch eingetragen, das Auto abfotografiert, es wird herumgefunkt und telefoniert und irgendwann gibt es ein OK. Auch dieses Mal dürfen wir passieren. In der Zwischenzeit wird Leo mit süßen Marmeladetaschen versorgt und wir unterhalten uns mit Händen und Füßen darüber, woher wir kommen, ob es uns gefällt und wohin es weiter geht.
Ein bisschen komisch ist es schon theoretisch nach Aserbaidschan zu fahren, denn knappe zwei Kilometer bewegen wir uns auf dem Boden dieses Landes, bevor wir wieder rechts in den Wald und somit nach Armenien abbiegen. Was passiert wohl wenn man einfach weiterfährt? Wie viele versteckte Grenzposten sitzen im Wald oder in der weitläufigen Wiese? Wir wollen es nicht wissen und sind froh als wir an der Lichtung am Kloster ankommen.
Die Geschichte des Bauwerks geht bis auf das 10. Jahrhundert zurück, denn hier entstand 989 das berühmte Etschmiadsin-Evangeliar, eine der wertvollsten und bedeutendsten armenischen Handschriften. Die Baugestalt des Klosters ist nicht unbedingt bedeutsam, der reiche Bauschmuck dafür umso mehr. Große herabhängende Blätter als florales Motiv und aufwendig dekorierte Bogenöffnungen erinnern an die Erlöserkirche im fernen Ani und bezeugen den hohen repräsentativen Anspruch der außergewöhnlichen Kirche. Figürliche Darstellungen auf Reliefplatten sind ebenfalls reichlich vorhanden. Die Deutung der einzelnen Szenen fällt schwer, man erkennt die Darstellung von drei Frauen am Grab Jesu, die Verkündigung und eine Szene der Himmelfahrt Christi. Für uns wird es eines der schönsten Kloster in Armenien bleiben.
Ein kleines Bergsträßchen führt uns ein paar Tage später in die Gipfelregion des Karabach-Plateaus zu den Felszeichnungen von Ughtasar auf über 3300 Höhenmeter. Bis vor wenigen tausend Jahren gossen Vulkane ihre breiten Lavaströme über die Berge und formten eine faszinierende Landschaft. Gletscher schliffen in der letzten Eiszeit die Lavafelder glatt und schoben sie zu mächtigen Blockhalden zusammen. Im Sonnenlicht schimmern die Felsblöcke nun unter einer Eisen-Mangan-Patina in blauschwarzen Farbtönen. Ughtasar wird als das „Bilderbuch Armeniens“ bezeichnet, denn auf den glattgeschliffenen Felsen am Quellsee findet man eine Vielzahl von eingeritzten Tieren und Menschen. Zumindest ein Teil der Felsbilder verweist auf die Bronzezeit, allerdings mögen manche Bilder auch wesentlich älter sein. Man vermutet, dass sie von Hirten und Viehzüchtern stammen. Armenische und deutsche Archäolg*innen sind gerade noch dabei die einzelnen Felszeichnungen vollständig zu katalogisieren. Die Hochlandregion wurde daher unter Schutz gestellt.
Bei einem Spaziergang rund um den See entdecken wir neben den Zeichnungen auch viele Blumen und die ein oder andere große Spinne. Der See liegt nahe an der aserbaidschanischen Grenze, dieses Mal um die 800 Meter entfernt. Wir werden von zwei Soldaten besucht und gebeten die Hochebene nach der Besichtigung über den gleichen Weg, den wir gekommen sind, wieder zu verlassen. Sie zeigen uns ein paar weitere Zeichnungen und schon sind sie wieder hinter dem Hügel verschwunden.
Wer genau hinsieht, wird in dieser Bergregion auf Gipfeln oder an den Kraterrändern von erloschenen Vulkankegeln viele militärische Stellungen finden. Daher bleibt uns am nächsten Tag der Aufstieg auf einen der höchsten Kegel leider verwehrt. Die Zeit im Süden, in der wir mehrere Male an die Grenze zwischen Armenien und Aserbaidschan kommen und daher viel Kontakt mit diesen so jungen, so freundlichen Soldaten haben bleibt uns stark in Erinnerung. Bei unseren Begegnungen fühlt sich alles so leicht an, wie an einer „normalen“ Grenze. Die Spannungen in der Berg-Karabach Region sind jedoch allgegenwärtig. Immer wieder steigen mir Tränen in die Augen, bei dem Gedanken daran, dass genau diese Regionen, diese Stellungen zwei Monate nach unserem Besuch unter Beschuss standen. Wir wissen nicht, wie viele der Männer noch am Leben sind, wie viele Menschen aus der Region um ihre Familienmitglieder und Freund*innen trauern. In solchen Momenten macht uns diese Welt sehr traurig.
„If I were asked where on the planet one can meet more miracles, I would first of all say – Armenia. Here, in this tiny corner of the world, you can see mountains and meet people that can become treasure and pride for the world.“
Rockwell Kent, amerikanischer Maler und Grafiker (1882-1971)
Nichtsdestotrotz erleben wir von Beginn an eine enorme Herzlichkeit der Armenier*innen. Zurückhaltender als im Iran, aber mit mindestens einem genauso freundlichen Gesicht. Auf dem ersten Bergpass mit gut asphaltierten Straßen lassen wir den Süden hinter uns und nehmen bereits nach zwei Wochen viele Eindrücke in die Region Wajoz Dsor mit. Langsam ahnen wir, dass wir in Armenien ganz viel Zeit verbringen möchten.













































