Dieser Beitrag ist ein kleiner Lückenfüller für unsere unvergessliche Zeit zwischen der Türkei und Armenien. Unsere Erlebnisse die wir in den zwei Monaten erfahren haben werden wir irgendwann teilen. Wir möchten so authentisch wie möglich berichten und daher muss das aktuell noch ein bisschen warten. Weil noch nicht ganz klar ist wie es für uns weitergeht und ob es für irgendjemanden eine Gefahr darstellen könnte.
Dafür teile ich in diesem Text ein paar unserer Gedanken vom Reisen mit Kind.
Schon bei unserem Kennenlernen im Jahr 2018 war klar, dass wir einen Traum teilen. Eine Langzeitreise mit dem Lebenspartner. Eine Art zu leben, die solch ein Vorhaben zulässt, vielleicht nicht nur einmal, sondern alle paar Jahre. So lernten wir uns lieben, mit diesem gemeinsamen Traum.
Doch ein kleines Lebewesen machte uns einen Strich durch die Rechnung, wie geplant im Frühjahr 2020 zu starten. Unser Leo kündigte sich an und stellt seit September 2019 unser Leben definitiv auf den Kopf. Auf wunderbare Weise. Für uns war schnell klar, dass ein Kind nicht das Ende vom Reisen bedeutet und so schmiedeten wir (anfangs geheime) Pläne, wie wir ihn denn doch realisieren könnten, unseren Traum.
Nun sind wir seit rund sieben Monaten als dreiköpfige Familie unterwegs und Leo ist im September drei Jahre alt geworden. Und wie ist es das Reisen mit Kind?
Ich stehe barfuß mit meinem schlafenden Kind in den Armen
Gedanken aus Armenien
unter dem funkelnden Sternenhimmel und
werde mir wieder einmal bewusst,
wie viel Glück im Leben ich eigentlich habe.
Nicht nur einmal bin ich in diesen sieben Monaten neidisch neben allein reisenden Paaren gesessen. Habe beobachtet wie selbstbestimmt und einfach ihr Reiseleben wirkt. Wie viel schneller sie am Morgen ihre Sachen wieder zusammenpacken. Wie sie ihre Yoga Matte dann ausrollen wann sie wollen und ohne dass jemand Zweiter darauf mitturnt. Wie sie abends gemeinsam ungestört am Lagerfeuer sitzen und nicht wie bei uns, einer mit dem Kind im Bett liegt oder ein ganz wachsames Ohr haben muss, um ihn im Fall des Falles schreien zu hören. Wie sie ohne Gefahr auf ein übermüdetes Kind bis in die Nacht in der Stadt herumspazieren können. Ich könnte noch einiges aufzählen auf das ich manchmal neidisch bin, aber es ist definitiv nicht so negativ, wie sich das jetzt vielleicht anhören mag.
Reisen mit Kind ist anders als alleine, das war uns schon vor der Abfahrt bewusst. Uns war bewusst, dass wir uns für die Zeit der Reise als Paar keine Auszeiten nehmen können, wir vierundzwanzig Stunden an sieben Tagen der Woche alle drei zusammen sind. Maximal einer von uns mal ein paar Stunden für sich beanspruchen kann. Wir schätzten die Zeit, die Leo bei seinen Großeltern, Tanten oder Onkeln verbringen konnte schon immer sehr. Und wir wissen das diese Zeit nach der Reise wieder kommen darf.
Wir sind schon länger Eltern als wir davor ein kinderloses Paar waren. Und wir lieben uns als Familie. Ansonsten wären wir diese Reise auf unseren 4,5 Quadratmetern Wohnraum nicht angetreten.
Nach sieben Monaten können wir sagen, dass wir es trotz aller Anstrengungen unglaublich genießen. Vielleicht glauben manche wir machen monatelang Urlaub. So ist es aber nicht. Auch ohne Kind gibt es auf so einer Reise immer genug zu tun, wir haben genauso unseren Alltag. Man muss Brauch- und Trinkwasser fast täglich organisieren, wir waschen Wäsche meistens und Geschirr immer mit der Hand, planen und ändern Routen, suchen nach Schlafplätzen, recherchieren über die aktuellen politischen Situationen, warten das Auto, putzen unser Zuhause, sichern Fotos und Videos, verarbeiten unsere Erlebnisse und Eindrücke. Es fühlt sich manchmal so an, als würde man trotzdem arbeiten. Daneben spielen und kuscheln wir mit unserem Sohn. Helfen ihm beim Anziehen, Zähne putzen und Waschen, begleiten Gefühlsausbrüche, sorgen für mindestens eine warme Mahlzeit am Tag, verbieten zu viele Süßigkeiten, sagen manchmal zu oft Nein, manchmal zu oft Ja. Wir lesen viel vor, schauen gerne lehrreiche Videos und immer wieder mal auch nur Feuerwehrmann Sam. Wir haben eine schöne Morgen- und Abendroutine und dazwischen ganz schön viel Spaß. Wir sammeln Steine, basteln mit allem Möglichen, suchen ab und zu nach Spielplätzen und immer nach kinderfreundlichen Übernachtungsplätzen. Leben mit Kind einfach. Schönes Leben.
ABER wir haben ein riesiges Privileg, dass wir zu Hause so nicht hätten. Und das ist Zeit. Gemeinsame Zeit. Johannes und Leo können viel nachholen. Wir waren ganz „normal“ im System „Mann arbeitet, Frau übernimmt den Großteil der Kinderbetreuung“ gefangen. Zusätzlich kam die fast tägliche Planung und Arbeit an unserem Landcruiser dazu, die ein paar Monate nach Leos Geburt begann.
Es ist für uns so wertvoll nun eine Zeit lang ohne irgendwelche äußeren Einflüsse und Vergleiche die Entwicklung unseres Sohnes GEMEINSAM zu begleiten. Wir haben Zeit unsere Werte als Familie zu definieren. Wir haben Zeit zu beobachten was die kleinen Hände gerade gerne bearbeiten, wie weit die Beinchen schon gehen können, wie aufmerksam die Augen die Umgebung wahrnehmen und wie viel Wissen schon in diesen kleinen Kopf passt. Leo hat in den letzten Monaten richtig sprechen gelernt, er ist sehr offen gegenüber anderen Kindern geworden, versteht viele Menschen ohne ihre Sprache zu kennen. Die größte Freude machen wir ihm mit einem Übernachtungsplatz auf dem er lockere Erde oder Sand findet. Dabei ist ihm egal, wie groß oder klein dieser Fleck zum Spielen ist.
Er wird nicht müde beim Ansehen von Kirchen, archäologischen Stätten, Moscheen oder anderen Sehenswürdigkeiten. Immer findet er etwas Interessantes dort. Und sagt danach: „Sche woa des.“ Gerade will er aber eigentlich wieder lieber in die Wüste als zum Meer, sagte er erst gestern Abend zu mir. Und genauso wie zu Hause können wir nicht jeden Wunsch, wie diesen zum Beispiel, erfüllen.
Oft verblüffen uns seine Aussagen und Wahrnehmungen. Wir hinterfragen durch ihn laufend unsere Gedanken, unsere (unbewussten) Vorurteile. Wie klar blicken Kinderaugen einfach auf diese Welt?
Wir sehen ein Motorrad am Straßenrand.
Kindliche Weisheit aus Georgien
Der Fahrer wäscht sich im Bach.
„Schau ein Russe.“
sagt einer von uns mit Blick auf die Nummerntafel.
Leo antwortet prompt: „Nein, ein Motorradfahrer.“
Leo lässt uns bewusster reisen. Aufmerksamer und manchmal auch langsamer. Seine bloße Anwesenheit öffnet so gut wie immer die Herzen von Fremden und auch manchmal ihre Türen.
Es gibt da diese Erlebnisse, die wir nur ihm zu verdanken haben. Wir erinnern uns gerne daran, als mit ihm mitten im Restaurant Fußball gespielt wurde, nur damit wir noch ein bisschen zum Tee trinken bleiben. Woanders läuft auf einmal eine verschleiert Frau in einer Leichenhalle hinter ihm her und spielt wie selbstverständlich mit ihm Fangen. Wir können die Militärs und Polizisten nicht mehr zählen, die ihm eine Kleinigkeit bei der Kontrolle schenken. Kinder sind einfach so willkommen in den Ländern die wir bisher bereisen durften.
Der kleine Mann sagt unser Zuhause ist jetzt das „Schneckenhaus“ und irgendwann fahren wir damit wieder nach Österreich wo die Omas, Opas und alle anderen sind. Wir fragen ihn oft ob er zurück möchte und immer lautet die Antwort: Nein.
Das ist für uns die größte Bestätigung genauso weiter zu machen. Und die einzig Wichtige.
Ich möchte nicht beurteilen ob es besser oder einfacher ist, mit oder ohne Kind zu reisen. Ich möchte dieses ganze Vergleichen und die Beurteilungen generell sein lassen. Ich kann nur sagen, dass es egal ist ob man alleine, zu zweit, mit Freunden oder mit Kindern reist. Es ist egal wohin man reist, solange man die Augen und das Herz offen hält. In diesem Fall wird es mit Sicherheit eine Bereicherung sein.







